Von Lingerie zu Glas: Mademoiselle Jo über Design abseits des Gewöhnlichen


Für Joan Bebronne war Kreativität nie auf eine einzige Disziplin beschränkt. Nach 25 Jahren in der Lingerie-Branche machte die belgische Designerin ihre langjährige Leidenschaft für Architektur, Materialien und Objekte zum Mittelpunkt ihrer eigenen Designpraxis: Mademoiselle Jo. Heute arbeitet sie mit Glas, Holz, Stein, Metall und Leder und entwickelt charakterstarke Objekte, die langlebig sind, sich in unterschiedliche Interieurs einfügen und dazu einladen, sie auf die eigene Art zu nutzen.
Im Zentrum ihrer aktuellen Arbeit steht Glas, insbesondere Muranoglas. Seine wechselnden Reflexionen und Schatten lassen ihre Objekte im Laufe des Tages mit dem Licht immer wieder anders erscheinen. Wir haben mit Joan darüber gesprochen, welchen Einfluss die Mode auf ihren Designprozess hat, warum sie mit Kunsthandwerker:innen in ganz Europa zusammenarbeitet, weshalb Zeitlosigkeit für sie so wichtig ist und warum Anderssein nicht unbedingt laut sein muss.
Joan, Kreativität scheint sich wie ein roter Faden durch deine gesamte Laufbahn zu ziehen. Wie kam es zu deinem Wechsel vom Mode- und Lingerie-Design hin zu Möbeln und Objekten?
Ich war schon immer von Kreativität in all ihren Formen fasziniert. Für mich spielt es eigentlich keine Rolle, ob es um Möbel, Schmuck, Schuhe, Küchen oder Musik geht.
Ursprünglich habe ich Modedesign studiert und 25 Jahre lang in der Lingerie-Branche gearbeitet. Gleichzeitig haben mich Architektur und Interior Design immer interessiert. Ich habe mehrere Häuser als persönliche Projekte renoviert und dabei nicht nur die Räume gestaltet, sondern auch Möbel und andere Elemente selbst entworfen. Mit der Zeit wurde mir klar, dass das mehr als nur ein Hobby war. Es war eine weitere Möglichkeit, meine Kreativität auszudrücken. Nach 25 Jahren in der Lingerie war ich bereit für ein neues Kapitel. Ich wollte Objekte mit einer starken Identität schaffen – Stücke, die poetisch und überraschend wirken und sich ein wenig von dem unterscheiden, was man überall sieht.

Was aus deiner Zeit in der Lingerie ist bis heute Teil deines Designprozesses?
Vor allem ein sehr ausgeprägtes Gespür für Details. Wenn man zum Beispiel einen BH entwirft, kann ein Stück von gerade einmal 15 mal zehn Zentimetern aus mehr als 25 verschiedenen Materialien bestehen. Alles muss präzise sein: Die Farben müssen zusammenpassen und die Materialien miteinander funktionieren. Wenn das nicht der Fall ist, ist das Ergebnis weder schön noch erfolgreich.
Diese Detailgenauigkeit begleitet mich bis heute. Manchmal läuft die Produktion nicht exakt so, wie man es sich vorgestellt hat, aber ich versuche immer, so nah wie möglich an die ursprüngliche Idee heranzukommen.
Wo beginnen deine Ideen normalerweise?
Meistens entstehen sie aus einem Material oder einer Alltagssituation. Auch der Besuch bei einem Kunsthandwerker kann viele Ideen und Emotionen auslösen. Sehr oft sind es das Material selbst oder eine bestimmte Technik, die mich inspirieren.
Deshalb beginne ich auch nicht mit einem völlig leeren Blatt und sage: „Ich entwerfe jetzt einen Stuhl.“ Ich starte mit einer Idee, lasse mich dann aber darauf ein, wohin mich der Prozess führt. Wenn ich eine bestimmte Technik entdecke, überlege ich, was ich damit gestalten kann.
Deine Arbeiten verbinden eine sehr reduzierte Ästhetik mit etwas Spielerischem und Poetischem. Was macht ein Design für dich erfolgreich?
Zeitlosigkeit ist für mich sehr wichtig. Ich mag Designs, die an die nächste Generation weitergegeben werden können. Ich habe zum Beispiel eine Leuchte von Ingo Maurer zu Hause, die ich seit Jahrzehnten liebe. Ich möchte, dass ein Objekt etwas ist, das man Jahr für Jahr gerne betrachtet und benutzt, anstatt es zu ersetzen, sobald sich ein Trend verändert. Deshalb muss die Form manchmal sehr klar und reduziert sein. Auch das Material muss langlebig sein. Wenn man etwas 100 Jahre behalten möchte, braucht man ein Material, das über viele Jahre bestehen kann.
Glas spielt in deiner aktuellen Arbeit eine zentrale Rolle. Was fasziniert dich daran?
Ich arbeite mit vielen verschiedenen Materialien, darunter Holz, Stein, Metall, Leder und Glas. Jedes hat seine ganz eigenen Eigenschaften. An Glas liebe ich besonders, wie es mit dem Licht interagiert. Da ist zunächst die Form des Objekts – und dann erzeugt das Licht eine weitere Farbe und eine weitere Form auf dem Boden oder an der Wand. Das verändert sich im Laufe des Tages. Durch das Licht scheint sich das Objekt beinahe weiterzuentwickeln. Ich liebe diese Beziehung zwischen Licht, Schatten und Reflexion. Wenn ich Malerin wäre, würde ich wahrscheinlich mit Licht auf Objekten, Reflexionen und Schatten arbeiten, weil alles ständig in Bewegung ist.
Du bist über eine eher ungewöhnliche Begegnung zum Muranoglas gekommen. Wie kam es dazu?
Eine Frau, die ich auf der Maison & Objet kennengelernt hatte, sah, woran ich arbeitete, und sagte mir, dass sie mich, falls ich irgendwann mit Glas arbeiten wollte, mit Menschen in Murano bekannt machen könnte. Also bin ich dorthin gereist, um die Kunsthandwerker:innen zu besuchen.
Ursprünglich wollte ich etwas ganz anderes entwickeln, aber die Technik und die Menschen, die ich dort kennengelernt habe, haben mir viele neue Ideen gegeben. Besonders interessiert hat mich gegossenes Glas und die Art und Weise, wie das Material das Licht reflektiert. Gleichzeitig wollte ich mit unterschiedlichen Formen und Farben arbeiten, ohne zu stark auf teure Formen und Gussformen angewiesen zu sein.


Das Material folgt deinem Entwurf also nicht einfach, sondern wird selbst Teil des Designprozesses?
Genau. Ich lasse mich von der Technik leiten. Wenn ich verstanden habe, was eine bestimmte Technik leisten kann, beginne ich darüber nachzudenken, welches Design damit möglich ist.
Auch Farbe ist ein sehr wichtiger Bestandteil meiner Arbeit. Ich entwickle meine eigenen Farben über die verschiedenen Kollektionen hinweg, und das nicht nur für Glas. Die richtige Farbe zu wählen, den passenden Farbverlauf zu entwickeln und herauszufinden, wie verschiedene Farben miteinander funktionieren, gehört für mich zu den spannendsten Teilen des Prozesses.


Du entwickelst deine Ideen außerdem physisch, anstatt dich auf digitale 3D-Modelle zu verlassen. Warum ist das wichtig für dich?
Weil ich die Form und die Proportionen im echten Raum sehen muss. Ich arbeite nicht mit einem 3D-Designprogramm. Ich entwickle meine Entwürfe zwar dreidimensional, aber physisch – mit Karton, Schaumstoff oder ähnlichen Materialien.
Das kommt aus meiner Zeit in der Mode. Wenn ich Kleidung entworfen habe, habe ich oft direkt am Körper gearbeitet, anstatt alles flach auf Papier zu zeichnen. So bekommt man ein viel besseres Gefühl für Volumen und Proportionen. Es ist auch deshalb wichtig, weil die Entwicklungskosten hoch sind. Ich muss mir bei einem Projekt ziemlich sicher sein, bevor ich mit der eigentlichen Entwicklung beginne
Viele deiner Objekte lassen sich auf unterschiedliche Weise nutzen oder arrangieren. Warum ist diese Flexibilität für dich wichtig?
Ich möchte, dass jede Person, die eines meiner Objekte kauft, die Möglichkeit hat, es anders in das eigene Interieur und die eigene Atmosphäre zu integrieren. Mich interessiert nicht besonders, dass Menschen einem Trend folgen. Ich mag die Vorstellung, dass sie etwas auswählen, weil es ihnen wirklich gefällt, und es dann zu ihrem eigenen machen.
Ich selbst mache es genauso. Wenn ich ein Objekt kaufe, verändere ich vielleicht etwas daran oder nutze es anders, als ursprünglich vorgesehen. Deshalb möchte ich den Menschen die Möglichkeit geben, meine Entwürfe an ihren eigenen Raum anzupassen. Meine Möbel können in einem sehr traditionellen Haus funktionieren, in einem modernen Loft oder an einem völlig anderen Ort. Es kommt darauf an, wie man das Objekt in die eigene Umgebung integriert.
Du arbeitest mit Kunsthandwerker:innen in Belgien und in ganz Europa. Was bedeutet diese Zusammenarbeit für dich?
Zunächst einmal müssen die Kunsthandwerker:innen an das Projekt glauben. Sie müssen es mögen und Lust darauf haben, daran zu arbeiten. Sonst kann es nicht funktionieren.
Meine Produkte sind sehr unterschiedlich, deshalb brauche ich verschiedene Spezialist:innen für Glas, Stein, Metall, Holz, Leder und Malerei. Es gibt keine Fabrik, die all das abdecken kann. Jede Person hat ihre eigene Spezialisierung.
Normalerweise treffe ich die Menschen direkt in ihren Ateliers. Ich erkläre das Projekt, was ich erwarte und warum bei den kleinen Serien alles besonders präzise sein muss. Ich liebe es, Menschen kennenzulernen, die mit Materialien arbeiten – ganz gleich, ob mit ihren Händen oder mit Maschinen. Ich interessiere mich nicht nur für ein bestimmtes Feld. Ich entdecke gerne, was aus unterschiedlichen Materialien und Techniken entstehen kann, wenn man sie auf eine andere Art einsetzt.

Deine Arbeit wurde mit dem BLICKFANG Zürich Future Forward Award ausgezeichnet. Was bedeutet diese Anerkennung für dich?
Ich habe mich sehr darüber gefreut, dass BLICKFANG meine Arbeit ausgezeichnet hat.
Auch der Zeitpunkt war perfekt, weil ich auf den Schweizer Markt möchte. Ich habe noch nicht viele Geschäfte in Zürich, deshalb ist BLICKFANG eine großartige Gelegenheit, den Menschen dort zu zeigen, woran ich arbeite, sie kennenzulernen und zu verstehen, was ihnen gefällt und wonach sie suchen.


Gibt es ein Stück, das dir besonders am Herzen liegt?
Das ist schwierig zu beantworten, aber ich würde sagen: der Toupy.
Es ist ein hängender Tisch, der von der Decke herunterkommt und einen Platz für Schlüssel, Brille oder alles andere bietet, was man dort ablegen möchte. Zumindest soweit ich weiß, gibt es auf dem Markt nichts Vergleichbares. Ich hoffe, dass ich die Einzige bleibe, die so etwas macht.
Was ich daran mag, ist, dass er einen Raum auf eine andere Art strukturiert. Die meisten Tische kommen vom Boden, und ohnehin haben wir schon viele Dinge, die den Boden einnehmen. Manchmal ist es schön, einen Raum stattdessen von der Decke aus zu strukturieren.
Wenn du Joans Arbeit selbst erleben möchtest, hast du schon bald die Gelegenheit dazu: Mademoiselle Jo ist vom 20. bis 22. November 2026 bei der BLICKFANG Zürich im Kongresshaus dabei. Joan bringt ihre neuesten Entwürfe nach Zürich – und damit ihren unverwechselbaren Umgang mit Materialien, Licht und zeitlosem Design. Für sie ist die BLICKFANG nicht nur eine Gelegenheit, ihre Arbeit zu präsentieren, sondern auch, Menschen zu treffen, ihre Reaktionen zu erleben und herauszufinden, was bei ihnen Resonanz erzeugt. Jetzt Tickets sichern!
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