Lamellenwerk öffnet und schließt Räume

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Thomas Feichtlbauer und Andreas Greive entwickeln drehbare Lamellenwände aus Holz. Ihr System trennt Räume, ohne sie dauerhaft zu verschließen, und verändert mit einer Bewegung Licht, Blickachsen und Atmosphäre.

Manchmal braucht ein Raum eine Grenze. Allerdings keine, die unverrückbar festlegt, wie er genutzt werden soll. Eine klassische Wand schafft Schutz und Ruhe, nimmt einem Raum aber häufig auch Licht, Weite und Verbindung. Genau in diesem Spannungsfeld arbeitet Lamellenwerk.

Die Idee entstand aus einer konkreten Anfrage. Ein Architekt suchte nach einem Sichtschutz, dessen Lamellen sich gemeinsam drehen lassen. Thomas Feichtlbauer entwickelte dafür einen patentierten Drehbeschlag, der alle Lamellen mit nur einem Handgriff oder motorisiert synchron bewegt. Diese Technik ist aktuell einzigartig am Markt. Für die Holzelemente und das Materialwissen suchte Feichtlbauer anschließend einen erfahrenen Schreiner und traf auf Andreas Greive.

Obwohl sich die beiden zuvor nicht kannten, stellten sie schnell fest, dass sie dieselbe Vorstellung von guter Gestaltung und Qualität teilten. Die Technik sollte zuverlässig funktionieren, sich aber nicht in den Vordergrund drängen. Gleichzeitig sollten die Lamellen nicht wie ein nachträglich eingesetztes Bauteil wirken, sondern selbstverständlich zur Architektur gehören. Aus der zunächst einzelnen Lösung entwickelte sich deshalb ein gemeinsames Produkt und schließlich eine eigene Marke.

Seit Anfang 2025 führen Feichtlbauer und Greive Lamellenwerk gemeinsam. Dabei begleiten sie jedes Projekt persönlich, vom ersten Gespräch über die Auswahl des Holzes bis zur fertigen Wand.

Offen bleiben und trotzdem Rückzug finden

Offene Grundrisse wirken großzügig und verbinden unterschiedliche Lebensbereiche miteinander. Im Alltag zeigt sich jedoch schnell, dass Offenheit allein nicht immer genügt. Im Homeoffice fehlt die Ruhe für ein vertrauliches Gespräch, zwischen Wohnraum und Küche entsteht der Wunsch nach zeitweiliger Abgrenzung oder im Bad soll die Aussicht erhalten bleiben, während der Raum zugleich vor Einblicken geschützt wird.

Die drehbaren Lamellen reagieren auf genau diese Situationen. Je nachdem, in welchem Winkel sie stehen, verbinden oder trennen sie Bereiche, geben den Blick frei oder filtern ihn. Dabei entsteht keine Wand im klassischen Sinn, sondern ein bewegliches Element, das sich an unterschiedliche Bedürfnisse anpassen kann.

Wie vielseitig dieses Prinzip funktioniert, zeigt ein Café in Graz. Dort trennt eine Lamellenwand ein Separee vom übrigen Gastraum. Tagsüber stehen die Lamellen offen, sodass beide Bereiche als zusammenhängender Raum wahrgenommen werden. Finden Besprechungen oder geschlossene Veranstaltungen statt, werden sie gedreht und schaffen eine geschützte Zone. Der Raum verändert seine Funktion, ohne seinen ursprünglichen Charakter zu verlieren.

Ähnliche Lösungen entstehen in Wohnungen, Büros, auf Galerien oder im Außenbereich. Für das Team von Lamellenwerk liegt darin die besondere Qualität des Systems: Ein Raum muss sich nicht endgültig zwischen Offenheit und Geborgenheit entscheiden, sondern kann je nach Situation beides bieten.

„Wir können Sichtachsen öffnen, schließen und verändern. Dadurch entstehen immer wieder neue Lichtstimmungen.“

Wenn Räume erst mit der Zeit zeigen, was ihnen fehlt

Oft zeigt sich erst im Alltag, wo einem Raum Rückzug oder Abgrenzung fehlt. Genau dort lassen sich die Lamellenwände auch nachträglich einbauen. Der Eingriff in die bestehende Architektur bleibt überschaubar, während sich die Wirkung des Raums spürbar verändert.

Für Feichtlbauer und Greive ist entscheidend, dass die neue Lösung nicht wie ein Fremdkörper erscheint. Holzart, Farbe und Oberfläche werden deshalb auf den jeweiligen Raum abgestimmt. Die Lamellen können Materialien aufgreifen, die bereits im Boden, in Einbaumöbeln oder anderen Elementen vorkommen. Mitunter liefern Schreinereien sogar ein vorhandenes Furnier, damit die neue Wand exakt zur übrigen Einrichtung passt.

Neben unterschiedlichen Holzoberflächen lassen sich auch Spiegel oder grafisch gestaltete Flächen integrieren. Dadurch wird die Lamellenwand nicht nur zum Sichtschutz, sondern zu einem eigenständigen Gestaltungselement, das die vorhandene Atmosphäre aufnimmt und weiterführt.

Holz darf sich verändern

Für Greive gehört zur Arbeit mit Holz auch ein ehrlicher Umgang mit seinen natürlichen Eigenschaften. Das Material bleibt nicht dauerhaft gleich. Sonnenlicht verändert seine Farbe, Wärme und Kälte wirken auf seine Oberfläche ein und im Außenbereich können Feuchtigkeit und Temperaturschwankungen sichtbare Spuren hinterlassen.

Lamellenwerk versucht nicht, diese Veränderungen zu verstecken. Sie gehören zum Material und damit auch zur Geschichte eines Raums. Eine hochwertige Lamellenwand zeichnet sich für Greive deshalb nicht durch absolute Gleichförmigkeit aus, sondern durch sorgfältige Verarbeitung, stimmige Proportionen und eine Gestaltung, die zum jeweiligen Ort passt.

Gefertigt wird im Landkreis Rosenheim. Feichtlbauer und Greive haben die beteiligten Werkstätten und Zulieferer bewusst in der Region ausgewählt. Die Fertigung erfolgt zu nahezu 100 Prozent in der Region; auch rund 90 Prozent der Materialien werden regional bezogen. Die kurzen Wege und die enge Zusammenarbeit sind ein wichtiger Bestandteil ihrer Arbeitsweise.

So verbindet Lamellenwerk lokale Fertigung mit einer großen gestalterischen Offenheit. Jede Wand entsteht passend zu ihrem Raum und zu den Menschen, die ihn nutzen.

Den Ausblick bewahren

Der Leitsatz von Lamellenwerk lautet „rotate your view“. Er beschreibt nicht nur die Bewegung der Lamellen, sondern auch die Möglichkeit, einen Raum immer wieder aus einer neuen Perspektive zu erleben.

Im Chiemgau wird dieser Gedanke besonders greifbar. Viele Häuser öffnen sich zur Landschaft und leben vom Blick auf Berge, Wiesen und Weite. Wer einen Raum abtrennen möchte, will diese Verbindung meist nicht verlieren. Eine leicht gedrehte Lamelle kann Einblicke verhindern, während der Ausblick erhalten bleibt. Gleichzeitig fällt das Licht je nach Stellung anders in den Raum und verändert dessen Stimmung.

So reagiert derselbe Raum auf den Rhythmus des Tages und auf die Bedürfnisse seiner Bewohnerinnen und Bewohner, statt dauerhaft eine einzige Nutzung festzulegen.

Eine Begegnung zwischen Handwerk und Erfindergeist

Auf der BLICKFANG zeigen Feichtlbauer und Greive neue Materialien und eine Weiterentwicklung ihres Systems, über die sie vorab noch nicht alles verraten möchten. Sicher ist nur, dass Lamellenwerk auch damit an seiner ursprünglichen Idee festhält: Gute Raumgestaltung setzt nicht einfach Grenzen. Sie schafft Möglichkeiten.