Heinz Glatzl und die Freiheit des Holzes 

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Der Wiener Innenarchitekt und Designer Heinz Glatzl drechselt unter dem Label ObjectsHG skulpturale Holzschalen. Risse, Äste und Spuren des Feuers versteckt er nicht. Sie bestimmen mit, welche Form entsteht. Bei der BLICKFANG Wien zeigt er seine Arbeiten gemeinsam mit seiner Tochter Mira. 

©Gabriel Buechelmeier
©Gabriel Buechelmeier

Kurz vor Schluss löst sich die große Schale von der Drehbank. Sie fliegt davon und zerbricht. Wochen an Arbeit sind verloren. Heinz Glatzl erzählt davon ohne Pathos. Es tue weh, sagt er, aber es gehöre dazu. Der Satz erklärt viel über seine Arbeit: Holz ist für ihn kein Werkstoff, den man vollständig beherrscht. Es ist ein Gegenüber, das Grenzen setzt, Entscheidungen erzwingt und manchmal widerspricht. 

Vor mehr als 25 Jahren gründete Glatzl gemeinsam mit Joachim Mayr das Wiener Architektur- und Innenarchitekturbüro Mayr & Glatzl. Vor rund elf Jahren gründeten die beiden das Formdepot, eine Wiener Handwerkerkooperative, in der Gewerke gemeinsam Projekte entwickeln und Wissen teilen. Das Drechseln begleitet ihn jedoch noch länger. Bereits als Jugendlicher arbeitete er mit Holz. Vor etwa zweieinhalb Jahren kehrte er zur Drehbank zurück, zunächst als Ausgleich zum Planen und Organisieren. Inzwischen hat diese Rückkehr einen Namen: ObjectsHG. 

Wie aus einem Stamm eine Holzschale wird 

Am Anfang steht kein vollständig festgelegter Entwurf. Glatzl öffnet den Stamm, prüft Kernriss, Äste und Spannungen und sucht die mögliche Schale im Holz. Manche Entwürfe verlangen eine präzise Geometrie und einen möglichst gleichmäßigen Rohling. Häufig verändert sich die Idee jedoch während der Arbeit. Ein Riss reicht weiter als erwartet, ein Ast destabilisiert den Rand, die Maserung schlägt eine andere Richtung vor. Dann disponiert Glatzl um. 

Diese Offenheit ist kein romantisches Sich-Ergeben. Sie verlangt Erfahrung. Wer nah an die Belastungsgrenze des Materials geht, muss erkennen, wann ein dünner Rand noch trägt und wann er bricht. Glatzl fixiert gefährdete Stellen teils schon während des Drechselns mit Holzzapfen. Zugleich lässt er genug Spielraum, damit aus einer Störung eine Form werden kann. Gerade deshalb vermeidet er Aufträge, bei denen das Ergebnis von Beginn an exakt feststehen muss. Versuch und Irrtum sind hier keine Vorstufe zum Entwurf. Sie sind Teil davon. 

„Manchmal merkt man beim Drechseln: Das, was man sich vorgenommen hat, funktioniert mit diesem Holz nicht.“ 

©Gabriel Buechelmeier

Feuer macht raue Oberflächen weich 

Früher, erzählt Glatzl, galt ein Riss für ihn als Fehler. Das Holz sollte glatt, makellos und kontrollierbar erscheinen. Diese Vorstellung begrenzte nicht nur die Größe seiner Arbeiten. Sie machte das Drechseln auf Dauer auch vorhersehbar. Heute arbeitet er bewusst mit Abweichungen. Er strukturiert Oberflächen mit der Motorsäge, bürstet sie, behandelt Holz mit Eisenoxid oder setzt es der Flamme aus. 

Beim Verkohlen geschieht etwas Widersprüchliches: Die optisch wilde Oberfläche wird haptisch ruhiger. Das Feuer nimmt scharfe Grate zurück, rundet Kanten ab und lässt eine raue Struktur überraschend samtig wirken. Wie tief die Flamme ins Holz zeichnet, lässt sich beeinflussen, aber nicht vollständig vorhersagen. Glatzl prüft den Fortschritt deshalb mit den Händen. Sehen allein reicht nicht. Die Oberfläche muss sich richtig anfühlen. 

Architektur und Drechseln folgen derselben Frage 

Auf den ersten Blick wirkt diese Arbeit wie der Gegenpol zur Architektur: hier Feuer, Späne und Zufall, dort Pläne, Normen und präzise Abläufe. Für Glatzl liegt der Unterschied weniger weit auseinander. Sein Büro arbeitet viel mit Bestand, unter anderem bei Sanierungen, Ordinationen und Projekten im Hospitality-Bereich. Auch dort beginnt Gestaltung mit dem, was bereits vorhanden ist. Man öffnet, schaut hinein und reagiert auf Befunde, die kein Plan vollständig vorwegnehmen konnte. 

Diese Haltung zeigt sich auch im Refugium Lunz, das Mayr & Glatzl in Lunz am See als Eigenprojekt geplant und umgesetzt haben. Bei der Revitalisierung wurde tiefgreifend in den Bestand eingegriffen, ohne seine Geschichte zu glätten. Eine Stube von 1661, lange durch Einbauten verdeckt, kam dabei wieder zum Vorschein. Altes und Neues sollten nicht um Aufmerksamkeit konkurrieren, sondern einander lesbar machen. Heute stehen dort auch Glatzls Schalen. Nicht als Dekoration nach Abschluss des Projekts, sondern als kleine Fortsetzung derselben Idee im Raum. 

„Zwischen Planung und Umsetzung gibt es immer ein Delta. Solange es Menschen gibt, gibt es die 100 Prozent nicht.“ 

©Julia Reiter

Ein Objekt als Schlussstein und Anfangspunkt 

Mittlerweile wünschen sich auch Bauherrinnen und Bauherren eine seiner Schalen für ihre fertiggestellten Räume. Glatzl nennt sie einen Schlussstein: ein Objekt, das eine lange gemeinsame Arbeit bündelt und dem Projekt eine persönliche Spur hinzufügt. Zugleich kann die Schale ein Anfangspunkt sein. Sie lenkt den Blick zurück auf Material, Herkunft und Herstellung und eröffnet ein Gespräch über die Menschen hinter einem Raum. 

Bei der BLICKFANG Wien teilt Heinz Glatzl seinen Stand mit seiner Tochter Mira, die Keramik und Arbeiten aus Holz zeigt. Für ihn ist das auch eine Rückkehr. Bereits früher stellte er mit Mayr & Glatzl Garderoben und einzelne Möbel bei der BLICKFANG aus. Nun kommt er mit ObjectsHG wieder, in einer anderen Rolle und mit Arbeiten, die weniger behaupten als zuhören. Ihre Form entsteht dort, wo Entwurf, Handwerk und die Eigenwilligkeit des Holzes aufeinandertreffen.