„Ich sehe ein Material und dann entstehen die Ideen“ – Helena Harfst im Interview
Helena Harfst entwickelt Kleidung aus natürlichen Materialien, die sich selbstverständlich in den Alltag einfügt. Was als persönliche Suche nach einer Alternative zur klassischen Brautmode begann, wurde 2020 zum eigenen Label. Im Gespräch erzählt sie, warum für sie alles beim Material beginnt, was sie an Hanf fasziniert und weshalb Heimat für sie weniger ein konkreter Ort als ein Gefühl ist.
Helena, dein Label ist aus einem sehr persönlichen Bedürfnis heraus entstanden. Wie kam es dazu?
Eigentlich hat alles schon mit meiner ersten Selbstständigkeit angefangen. Ich hatte selbst geheiratet und festgestellt, dass es für mich kaum Brautkleider gab, die sich wirklich nach mir angefühlt haben. Vieles war aus Synthetik, sehr dick, mit Korsagen und hatte für mich eher etwas von einem Kostüm.
Ich wollte ein Kleid aus Naturfasern, das sich wie ein echtes Kleid anfühlt und nicht wie etwas, in das ich mich verkleiden muss. Dadurch habe ich mich zum ersten Mal sehr intensiv mit Stoffalternativen beschäftigt und dabei einen tollen Lieferanten aus meiner Region gefunden. Mit ihm arbeite ich bis heute eng zusammen.
Später habe ich mich dann nach Materialien umgesehen, die auch zu meinem eigenen Alltag passen. Daraus ist schließlich die Idee für eine Kollektion entstanden. Erst habe ich die Kleidung nur für mich gemacht, dann kam aus meinem Umfeld immer wieder die Frage: „Kann ich das auch haben?“ Im Frühjahr 2020 ist daraus schließlich das Label entstanden.



Du sagst, dass deine Designs immer beim Material beginnen. Was bedeutet das konkret für deinen Entwurfsprozess?
Bei mir ist es tatsächlich fast immer andersherum, als man es vielleicht erwarten würde. Ich habe ganz selten zuerst eine Idee für ein Kleidungsstück und suche danach das passende Material. Ich sehe ein Material und dann entstehen die Ideen.
Mich interessiert, was ein Stoff haptisch mit mir macht, wie er fällt, wie er verarbeitet werden kann und welche Eigenschaften er mitbringt. Das Material gibt mir oft schon eine Richtung vor. Bei Hanf war es zum Beispiel diese besondere Struktur, die mich sofort angesprochen hat.
Hanf spielt eine wichtige Rolle in deiner Kollektion. Was fasziniert dich daran?
Hanf ist ein unglaublich dankbares Material. Er ist robust, langlebig und strapazierfähig und bringt viele Eigenschaften mit, die ich spannend finde. Mein Hanf kommt zum größten Teil aus Rumänien, weil mir auch kurze Transportwege wichtig sind.
Was ich aber besonders mag, ist seine Haptik. Bei meinem ersten Hanfstoff konnte man teilweise noch diese fast strohartigen Faserstränge sehen. Das wirkt auf eine Art unperfekt und gleichzeitig unglaublich schön. Ich bin da schon ein bisschen nerdig: Solche Details bringen mich ins Träumen und wieder zurück ins Design.
Und ich mag, dass Hanf oft unterschätzt wird und einen dann überrascht. Ich würde mir wünschen, dass er irgendwann nicht mehr nur mit einem bestimmten Öko-Image verbunden wird, sondern einfach als das wahrgenommen wird, was er ist: ein vielseitig einsetzbares Material.

„Sorgloskleidung“ ist ein Begriff, den du selbst verwendest. Was bedeutet Sorglosigkeit für dich?
Für mich besteht das aus mehreren Ebenen. Ein Kleidungsstück soll sich gut anfühlen, unkompliziert in den Alltag integrieren lassen und einfach zu pflegen sein. Gleichzeitig möchte ich wissen, woher das Material kommt und wo produziert wurde.
Dieser ethische Aspekt gehört für mich genauso dazu. Ich habe mir selbst versprochen, die Produktion dort zu lassen, wo sie ist, und deutsches Handwerk zu unterstützen. Natürlich wäre es günstiger, im Ausland produzieren zu lassen. Aber dann würde ich einen Teil von dem aufgeben, wofür mein Label steht.
Manchmal bedeutet das auch, dass ich mich von einem Design verabschieden muss, wenn ich es mit den Materialien und Produktionsbedingungen, die ich mir wünsche, nicht umsetzen kann. Das gehört für mich dazu.
Eines deiner Beispiele dafür ist die Gartenjeans. Was steckt hinter diesem Stück?
Die Idee war ganz einfach: Ich wollte etwas haben, mit dem ich im Garten arbeiten, mir die Hände abwischen und danach nur die Schuhe wechseln kann, um mit einer Freundin noch etwas trinken zu gehen. Die Kleidung soll sich meinem Alltag anpassen und nicht umgekehrt.
Genau das ist für mich ein Sorglos-Piece. Es funktioniert, ohne dass ich ständig darüber nachdenken muss, was ich damit machen kann oder wie ich es pflegen muss. Wenn Kund:innen mir später erzählen, dass ein Kleidungsstück zu ihrem Lieblingsstück geworden ist und diesen Sorgloscharakter für sie wirklich bekommen hat, dann weiß ich, dass die Idee funktioniert.
Neben den Materialien spielt auch das Thema Heimat eine große Rolle in deiner Arbeit. Was verbindest du damit?
Das beschäftigt mich tatsächlich schon seit meiner Kindheit. Ich glaube, mich fasziniert an Heimat dieses Gefühl von Verwurzeltsein, Ankommen und Ruhe. Ich selbst bin eher ein getriebener Mensch, immer voller Energie und mit dem Wunsch, Neues zu erleben und hinaus in die Welt zu gehen. Vielleicht ziehen mich gerade deshalb die Gegensätze so an.
Und Heimat muss für mich auch nicht an einen bestimmten Ort gebunden sein. Ich kann unterwegs sein und plötzlich merken: Das, was mich hier berührt, fühlt sich genauso nach Heimat an.
Aus diesem Gedanken heraus bin ich auch bei Tradition und Folklore gelandet. Kleidung ist eine Form, sich auszudrücken. Gerade traditionelle Kleidung steckt voller Symbolik.


Du beschäftigst dich dafür auch intensiv mit historischen Kleidungsstücken. Was findest du dort?
Mich fasziniert, wie clever viele dieser alten Lösungen sind. In Museen schaue ich mir die Verarbeitung teilweise wirklich ganz genau an. Früher musste Kleidung funktionieren. Man konnte nicht einfach sagen: Wenn der Rock nächsten Monat nicht mehr passt, kaufe ich einen neuen.
Viele dieser Konstruktionen haben über Jahrhunderte funktioniert und waren für ganz unterschiedliche Körper gedacht. Diese Lösungen inspirieren mich sehr. Ich nehme nicht einfach eine Tracht und mache daraus moderne Kleidung, sondern schaue mir an, was dahintersteckt: Warum wurde etwas genau so verarbeitet? Was funktioniert daran so gut? Und wie kann man diesen Gedanken in einen zeitgemäßen Kontext übersetzen?

Wie gelingt dir dabei die Balance zwischen Folklore und moderner Alltagskleidung?
Ich möchte immer eine Balance finden. Man kann natürlich einen kompletten Look daraus machen und sehr deutlich in diese Ästhetik gehen. Aber man kann genauso gut nur ein Teil zu einer Jeans tragen und hat dann lediglich ein ganz subtiles Gefühl von Folklore.
Genau das finde ich spannend: dass die Kleidung nicht voraussetzt, dass man seinen ganzen Alltag verändert. Sie kann ein kleines Stück dieser Ästhetik mitnehmen, ohne dass man gleich von Kopf bis Fuß darin gekleidet sein muss.
Für deine kommende Frühjahrskollektion bist du noch tiefer in dieses Thema eingestiegen. Was können wir erwarten?
Ich bin dafür noch einmal sehr intensiv in historische Sammlungen gegangen und habe mir die Verarbeitungen genau angesehen. Gemeinsam mit meiner Schnittdirektrice und der Produktion haben wir dann überlegt, wie wir diese Ideen umsetzen können.
Ich kann noch nicht zu viel verraten, aber ich bin sehr glücklich damit, wie die Kollektion geworden ist. Auch die Retailer haben bisher sehr positiv darauf reagiert. Jetzt bin ich gespannt, wie sie bei den Kund:innen ankommt.
Nähen und textile Verarbeitung liegen bei dir auch in der Familie. Welche Rolle spielt diese Geschichte für deine Arbeit?
Eine sehr große. Meine Großmutter war Schneidermeisterin. In den Ferien habe ich oft tagelang bei ihr im Nähzimmer gesessen. Später hat sie sich vor allem der Patchwork-Kunst gewidmet und riesige Decken gemacht. Sie hat wirklich Kunst aus Stoff geschaffen.
Meine Mutter hat uns als Kinder ebenfalls viel genäht und ist heute, seit sie im Ruhestand ist, fest in mein Atelier integriert. Sie kommt sogar mit nach Wien. Wir teilen schon immer diese Begeisterung für Mode, aber heute sprechen wir natürlich auch über die wirtschaftliche Seite und darüber, dass manche Dinge einfach funktionieren müssen.
Meine Oma lebt zwar nicht mehr, aber wenn meine Mutter und ich gemeinsam im Atelier sind, denken wir oft an sie. Diese Familiengeschichte fließt auch in meine Arbeit ein. Gerade der Gedanke des Patchworks, aus vielen kleinen Stücken etwas Neues entstehen zu lassen, ist für mich bis heute präsent.
Deine Kundschaft ist dabei erstaunlich vielfältig. Wie würdest du sie beschreiben?
Ich habe immer wieder versucht, meine Kundschaft für Website und SEO genau zu definieren. Aber sobald ich auf einer Messe stehe, werde ich selbst immer wieder überrascht. Es gibt für mich kein klares „Du bist meine Kundin und du nicht“.
Was viele verbindet, ist eine Wertschätzung für handwerkliche Verarbeitung und natürliche Materialien. Manche kommen wegen der Materialien und entdecken dann das Design für sich. Bei anderen ist es genau andersherum.
Auch der Unisex-Bereich ist dadurch immer größer geworden. Ursprünglich habe ich nur Womenswear gemacht, aber häufig waren Frauen mit Männern an meinem Stand, die sich ebenfalls für die Materialien und die Kleidung begeistert haben. Daraus sind immer mehr Teile entstanden, die für beide funktionieren.


Und welches Stück aus deiner Kollektion trägst du selbst am liebsten?
Im Winter ist es gerade ganz klar die Wickeljacke aus Wolle. Die gehört schon lange zu meinen Klassikern. Und das Unisexhemd trage ich tatsächlich fast jeden dritten Tag in irgendeiner Variante.
Ich liebe es, weil es so viele Möglichkeiten gibt. Ich habe es schon zu Events und Festlichkeiten getragen, aber genauso im Alltag, wenn ich einfach schnell irgendwohin muss. Es gibt einem dieses komfortable, einhüllende Gefühl und gleichzeitig kann man sich darin richtig gut fühlen. Das Hemd würde ich gerade definitiv empfehlen.
Wer Helena und ihre Kollektion live erleben möchte, hat dazu bei der BLICKFANG Wien vom 6. bis 8. November 2026 im MAK die Gelegenheit. Helena wird vor Ort ihre aktuellen Entwürfe präsentieren und damit genau das zeigen, was ihre Arbeit ausmacht: natürliche Materialien, durchdachte Verarbeitung und Kleidung, die sich selbstverständlich in den Alltag einfügt. Hier kannst du dir dein Ticket sichern!
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