MOWO: Wenn Holz plötzlich in Bewegung kommt

Was wäre, wenn Sitzen nicht automatisch Stillhalten bedeuten würde? Bei MOWO entwickelt Lisa Stolz Hocker aus elastischem Holz, die kleine Bewegungen des Körpers aufnehmen und selbst in Bewegung bleiben. Je nach Modell kann man darauf wippen, schwingen und die Sitzposition wechseln – ein bisschen wie auf einem Gymnastikball, nur aus Holz.
Lisa hat Architektur studiert und zunächst in einem Architekturbüro gearbeitet. Heute lebt und arbeitet sie in Wien und widmet sich ganz dem Möbeldesign. Für sie liegt der Reiz vor allem darin, Ideen unmittelbar ausprobieren und ihre Umsetzung selbst miterleben zu können. Im Gespräch erzählt sie, warum gerade Holz das richtige Material für ihre beweglichen Hocker ist, wie aus zwei geschwungenen Holzteilen ein stabiles Möbel entsteht und warum ein neuer Entwurf bei ihr zunächst oft im Kopf beginnt.
Lisa, wie würdest du MOWO jemandem erklären, der noch nie von euch gehört hat? Was ist an euren Hockern anders als an einem normalen Stuhl?
Die einfachste Erklärung ist eigentlich: Unsere Hocker sind ein bisschen wie ein Gymnastikball oder Pezziball, auf dem man sitzen kann – nur aus Holz. Sie sind dabei deutlich reduzierter in der Bewegung. Man kann also auch ganz still darauf sitzen, aber der Hocker nimmt die kleinen Bewegungen des Körpers direkt auf und hält einen dadurch über den Tag hinweg aktiv.
Das Schöne ist außerdem, dass man sich auf jedem unserer Hocker in zwei verschiedenen Positionen hinsetzen kann. Je nachdem, wie man ihn dreht, verändert sich auch der Bewegungsradius. In einer Position kann man zB eher seitlich schwingen, in der anderen bewegt man sich vor und zurück. Dadurch wird der Rücken in verschiedene Richtungen bewegt und die Muskeln bleiben aktiv.
Gerade heute, wo wir unglaublich viel sitzen – im Büro, im Auto, im Bus oder abends auf der Couch – finde ich das wichtig. Wenn man lange am Schreibtisch sitzt, kann es einen großen Unterschied machen, diese Zeit aktiver zu gestalten.


Du hast Architektur studiert. Was hat dich an Möbeln irgendwann mehr gereizt als an Architektur?
Ich habe längere Zeit an einem sehr großen Projekt gearbeitet, einem Krankenhaus. Bei solchen Projekten dauert es Jahre, bis etwas umgesetzt wird. In meinem Fall habe ich die Umsetzung sogar gar nicht mehr miterlebt, weil ich vorher schon wieder gegangen bin.
Meine Tätigkeit war außerdem sehr zeichnerisch und repetitiv. Ich habe zum Beispiel gefühlt tausend Zimmeransichten gezeichnet. Ich habe dadurch gemerkt, dass mir der eigentliche Designprozess fehlt und ich nicht genug selbst entwerfen konnte.
Im Möbeldesign ist das viel unmittelbarer. Die Entwicklungswege sind kürzer, man kann Prototypen selbst bauen und viel mehr mit den Händen und Materialien arbeiten. Gerade Holz liebe ich – wie es sich anfühlt, wie es sich bearbeiten lässt und welche Eigenschaften es mitbringt. Da konnte ich mich einfach kreativer ausleben.
Wie kam es dann zur Idee, einen Hocker zu entwickeln, auf dem man sich ganz bewusst bewegen kann?
Der erste Anstoß war eigentlich eine Bewerbung für mein Masterstudium in London. Für die Aufnahmeprüfung sollte man bereits eine Idee mitbringen. Meine Idee war damals, ein Möbelstück zum Sitzen aus „weichem“ Holz zu entwickeln. Es sollte sich beim Sitzen ein bisschen wie ein Polstermöbel anfühlen, aber komplett aus Holz bestehen.
Daraus sind dann noch während des Studiums die ersten Hocker entstanden. Parallel hatte ich noch eine andere Idee, eine Art Matte aus Holz, die ich auch weiterentwickelt habe. Die ist heute allerdings eher ein Luxus- oder Kunstobjekt und steht nicht so sehr im Fokus von MOWO.

Die Hocker sind sehr schlicht aufgebaut: Holz, geschwungene Formen und Schnüre. Wie entsteht daraus ein Möbel, das gleichzeitig stabil ist und sich bewegen lässt?
Das am einfachsten wirkende Design ist oft das schwierigste.
Die geschwungene Form ist dabei gar nicht entstanden, weil ich unbedingt etwas Kurviges machen wollte. Sie ergibt sich aus dem Ziel, Bewegung zu ermöglichen. Wenn man horizontale und vertikale Flächen mit einem rechten Winkel verbinden würde, hätte man einen extremen Belastungspunkt. Die geschwungene Form kann diese Kräfte viel besser ableiten.
Beim Hocker ergänzen sich die beiden Formen, sobald sie zusammen geschnürt werden, und bilden eine stabile Einheit. Nicht nur ein einzelner Bereich gibt nach, sondern die komplette Holzstruktur kann mitschwingen und die Kraft aufnehmen.
Die Schnur selbst ist übrigens nicht elastisch. Sie hält die beiden Holzteile lediglich zusammen und muss dafür sehr straff gespannt sein. Dafür habe ich einen speziellen Knoten entwickelt, der aus dem Segelbereich kommt. Damit lässt sich die Schnur festzurren und zusätzlich fixieren.
„Elastisches Holz“ klingt zunächst fast wie ein Widerspruch. Warum ist Holz für MOWO das richtige Material?
Das einzige andere Material, das für so etwas grundsätzlich funktionieren würde, wäre Metall. Für mich kommt das aber nicht infrage, weil es sich zum Sitzen einfach nicht so angenehm anfühlt.
Holz hat eine warme Oberfläche und lässt sich relativ leicht bearbeiten. Das ist für mich auch deshalb wichtig, weil ich selbst gut mit Prototypen arbeiten kann. Und ich liebe das Material einfach: Jedes Stück ist anders. Durch die Furniere und die unterschiedlichen Holzstrukturen gleicht kein Hocker dem anderen.
Holzmaserung ist für mich ohnehin das schönste Muster. Da kann keine Metalloberfläche und keine Farblackierung mithalten.

Du hast inzwischen verschiedene Hocker entwickelt. Was verbindet sie und was unterscheidet sie voneinander?
Was alle verbindet, ist ganz eindeutig die Bewegung. Sie schwingen als Ganzes mit und sind elastisch.
Der Unterschied liegt vor allem im jeweiligen Bewegungsspektrum. Der Achter bewegt sich etwas reduzierter - hat dafür aber ein mehr dreidimensionales Bewegungsspektrum - während der Einser durch seinen Steg weiter schwingen kann - je nach Sitzrichtung vor und zurück oder seitlich.
Der Vivi hat wiederum eine geteilte Sitzfläche. Dadurch können sich die beiden Körperhälften unabhängig voneinander bewegen – Kunden:innen sagen oft es fühlt sich an wie Radfahrern oder Skifahren im Sitzen.
Dazu kommen unterschiedliche Höhen. Weil ich die Hocker bewusst nicht höhenverstellbar machen wollte – es gäbe technische Lösungen dafür, aber sie würden für mich nicht gut aussehen – gibt es verschiedene Modelle für unterschiedliche Körpergrößen. Und natürlich spielt auch der persönliche Geschmack eine Rolle. Jeder Mensch bewegt sich anders und braucht beim Sitzen unterschiedlich viel Bewegung.
Wie findest du die richtige Balance zwischen Funktion und diesem spielerischen Gefühl?
Ich glaube, das ergibt sich bei den Hockern eigentlich aus der Bewegung selbst. Sie sollen natürlich funktionieren und beim Sitzen unterstützen, aber gleichzeitig macht es Spaß, sich darauf zu bewegen.
Das ist auch bei der Entwicklung immer wieder spannend. Man denkt, man kennt das Material inzwischen, aber sobald man einen neuen Prototypen baut und sich hineinsetzt, passiert etwas Unerwartetes. Gerade weil man nicht gewohnt ist, in einer Holzform zu sitzen, die sich gleichzeitig mit dem Körper bewegt.
Du arbeitest auch mit Physiotherapeut:innen und Osteopath:innen zusammen. Was hast du durch diese Zusammenarbeit gelernt?
Ich bin teilweise auf meine eigenen Physiotherapeut:innen zugegangen, teilweise habe ich Menschen über Events und mein Netzwerk kennengelernt. Zunächst bekommen sie einen Hocker für einige Wochen und geben mir danach Feedback.
Bei einem Punkt waren sich eigentlich alle einig: Bewegung beim Sitzen ist gut. Zu lange in derselben Position zu bleiben, ist auf Dauer nicht ideal – selbst wenn es sich um eine vermeintlich perfekte Sitzhaltung handelt. Der Körper braucht Bewegung und Positionswechsel.
Ein paar Physiotherapeut:innen fanden die Sitzfläche anfangs zu hart. Daraus sind dann auch die Sitzpolster entstanden. Wobei es auch Menschen gibt, die lieber ohne Polster sitzen. Das hängt wieder vom jeweiligen Körper und den persönlichen Vorlieben ab.
Besonders spannend waren Workshops mit einer Physiotherapeutin, die auch im Bereich Arbeitsmedizin tätig ist. Wir haben gemeinsam Übungen entwickelt, die man mit den Hockern am Arbeitsplatz machen kann. Dabei habe ich selbst noch viel über die Wirbelsäule und die physiologischen Zusammenhänge gelernt.

Dein aktueller Hersteller sitzt in Griechenland. Wie kam diese Zusammenarbeit zustande?
Ich hatte zunächst einen Hersteller in Ungarn. Irgendwann mussten wir uns aber trennen, weil die Qualität nicht gepasst hat. Das war noch bevor ich die Marke gelauncht habe, und wir sind bereits bei den Prototypen an Grenzen gestoßen.
Dann bin ich auf meinen jetzigen Hersteller in Griechenland gestoßen – tatsächlich über Instagram. Und mit ihm hat es von Anfang an gut funktioniert.
Auch das Holz, mit dem wir arbeiten, kommt je nach Situation aus unterschiedlichen Regionen. Früher wurde das Birken- und Buchenholz aus Osteuropa bezogen, zuletzt kamen ein Teil der Furniere beispielsweise aus Kroatien. Das verändert sich natürlich auch mit der globalen Lage.
Du lebst und arbeitest heute wieder in Wien. Wie sieht dein Arbeitsalltag aus – und sitzt du dabei tatsächlich auf einem MOWO?
Ja, natürlich. Ich arbeite in einem kleinen Gemeinschaftsatelier mit anderen Designer:innen, Architekt:innen und Grafikdesigner:innen. Ich liebe es, dass ich mir meinen Tag selbst gestalten kann. Es gibt nicht diese Routine, bei der jeder Tag gleich aussieht.
Wenn ich im Atelier bin, verbringe ich dort meistens sechs bis sieben Stunden. Wir kochen gemeinsam, tauschen uns aus und arbeiten nebeneinander. Ich sitze dabei eigentlich immer auf dem Einser-Hocker. Gerade probiere ich aber auch die anderen Modelle über längere Zeit aus, weil ich bisher immer den Einser als meinen Favoriten hatte.
Mir ist es wichtig, nicht acht Stunden am Stück vor dem Computer zu sitzen. Wenn es möglich ist, teile ich meinen Tag deshalb auf: Vormittags bin ich unterwegs, habe Kundentermine oder Meetings und die andere Hälfte des Tages verbringe ich eher sitzend.
Ich habe in der Architektur selbst 40 Stunden pro Woche am Schreibtisch verbracht und irgendwann gemerkt, dass dieses ewige Sitzen einfach nicht mehr funktioniert. Diese Flexibilität möchte ich mir deshalb so lange wie möglich erhalten.

Was möchtest du mit MOWO in den nächsten Jahren noch ausprobieren?
Ich arbeite gerade an einem Lounge-Sessel. Dabei habe ich mich gefragt, wo ich das Prinzip des elastischen Holzes noch einsetzen kann. Ein Schaukelstuhl war natürlich eine naheliegende Idee, weil Bewegung auch beim entspannten Sitzen schön sein kann. Daraus ist dann die Überlegung entstanden, wie man dieses leichte Schwingen in einen Lounge-Sessel integrieren könnte.
Bei neuen Produkten beginnt der Prozess meistens in meinem Kopf. Wenn ich eine Idee habe, die mir gefällt, zeichne ich sie auf. Ich würde sagen, die Hälfte passiert im Kopf und die andere Hälfte im Skizzenbuch.
Danach schaue ich mir den Entwurf in 3D an, baue zuerst ein digitales Modell und dann kleine Modelle aus Papier oder Karton. Anschließend entstehen kleine Holzmodelle aus Furnieren. Damit kann ich ungefähr verstehen, wie sich die Form verhält und wie sich das Körpergewicht darauf ausbreiten könnte.
Wirklich verstehen kann man es aber erst mit einem 1:1-Prototypen. Gerade beim Lounge-Sessel war wieder vieles anders als bei den kleinen Modellen. Und genau das macht es so spannend: Man denkt, man kennt das Material inzwischen – und dann überrascht es einen doch wieder.
Wer Lisa kennenlernen und ihre Hocker live erleben möchte, hat dazu bei der BLICKFANG Wien vom 6. bis 8. November 2026 im MAK die Gelegenheit. Hier kannst du dir dein Ticket sichern!
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